Voluntariat im Animal Rescue Centre Victoria
- renatowinteler2
- 24. Apr. 2025
- 4 Min. Lesezeit
Während der letzten zwei Monaten hatte ich die Gelegenheit, ein Voluntariat in einer Wildtierstation zu absolvieren, in welcher verletzte, kranke oder verwaiste Wildtiere aufgenommen und gepflegt werden. Das Animal Rescue Center (ARC) in Victoria ist eine Organisation, welche staatlich anerkannt und finanziell unterstützt wird, zu grossen Teilen aber von Spendengeldern der Bevölkerung lebt. Das ARC in Victoria hat sich auf verschiedene Vogelarten und Säugetiere wie Waschbären, Hirsche, Biber und Otter spezialisert (eine ähnliche Station weiter nördlich auf der Insel behandelt Grossraubtiere wie Bären, Wölfe und Pumas, während Meeressäuger in Vancouver behandelt werden).
Ich begann meine Arbeit Anfang März. In dieser Zeit war es in der Widltierstation noch sehr ruhig. Es waren zwei Fischotter, ein Biber, ein Weisskopfseeadler, eine Kanadagans ein Falke und drei Kleinvögel in Pflege. Die beiden verwaisten Baby-Fischotter wurden übrigens im Frühling auf einer Insel östlich von Vancouver Island gefunden. So mussten die beiden Jungtiere zuerst mit der Fähre nach Victoria gebracht werden, wo sie dann mit dem Auto abgeholt und zur Station gebracht wurden.
Kommt ein Tier in der Station an, wird dieses zuerst von einem sog. "Rehabber" untersucht. Tiere werden nur aufgenommen, wenn diese wieder zu 100% gesunden können. Ist dies nicht der Fall, werden die Tiere eingeschläfert. Somit verfolgt das ARC nicht etwa das Ziel, möglichst viele Tiere wieder auszuwildern, sondern jene mit guten Überlebenschancen so zu stärken, dass die Tiere nach der Freilassung erfolgreich weiterleben können. So verlassen nur ca. 25-30 % aller eingelieferten Tiere irgendwann die Station wieder.
Bei der Pflege der Wildtiere gilt denn auch: Kontakt zum Tier so viel wie nötig, aber so wenig wie möglich. Vor allem bei den Säugetieren, aber auch bei Gänsen werden deshalb während der Pflege Gesichtsschilder getragen, um die Prägung (sog. Imprinting) und somit die Gewöhnung an den Menschen zu verhindern.
Beim Wiederauswildern der Tiere macht die kanadische Regierung klare Vorgaben: Das Tier muss wieder an jenem Ort ausgesetzt werden, wo es auch gefunden wurde (um nochmals auf die beiden jungen Fischotter zurückzukommen: Diese wurden vor zwei Wochen wieder auf die Fähre gesetzt und wieder auf die Insel zurückgebracht, wo ihr Leben vor einem Jahr begann... ;-)).
Eine weitere lustige Geschichte gibt es zum Weisskopfseeadler: Dieser hat sich in einem Kampf am Flügel verletzt und war lange in Pflege im ARC. Er lebte in einer Scheune, die allerdings zu klein war, so dass sich seine Flugmuskulatur zurückbildete. Somit konnte man das Tier noch nicht in die Wildnis entlassen. Stattdessen packte man den Adler in einen Hundezwinger und fuhr ihn zum Flughafen. Dort wurde er mit einem Cargoflugzeug nach Alberta geflogen, wo er von einer anderen Tierstation aufgenommen wurde, die über viel grössere Fluggehege verfügen. So kann der Vogel nun seine Flugmuskulatur wieder aufbauen, um danach wieder nach Vancouver Island zu fliegen (per Flugzeug natürlich ;-)), wo er dann freigelassen werden kann.
Meine Arbeit bestand v.a. in der Tierpflege, im Reinigen und Einrichten von Gehegen, aber auch in der Zubereitung von Futter und Breien aller Art (je nach Art waren das sehr stark duftende Zutaten ;-)). Aber auch Wäsche waschen gehört zur alltäglichen Arbeit.
Sehr oft durfte ich den Rehabbs über die Schulter schauen, wenn sie ein eingeliefertes Tier untersuchten: Biber, Möwen, Surf Scoter, Canadagans, Stockenten, Eidechsen (western alligator lizard), Eastern Cottontail (Kaninchenartige) und viele kleine Singvögel wie Kolibris, Crossfinch (Fichtenkreuzschnabel), Spotted Towhee (Ammerartige) landeten auf dem Untersuchungstisch.
Die Tiere sind in diversen Aussengehegen untergebracht, die um das Hauptgebäude herum angeordnet sind. Das ARC befindet sich übrigens mitten im kanadischen Nirgendwo, also mitten im Wald ;-).
So muss man auch mal mit Wildtierbegegnungen rechnen. So traf ich beispielsweise immer wieder Kaninchen oder Hirsche an, wenn ich draussen arbeitete. Auch ein Schwarzbär sucht regelmässig das Zentrum heim (letztes Jahr hat er leider auch einige junge Hirschkälber gerissen). Aus diesem Grund hat es in jedem Gehege eine Hupe. Zweimal hupen bedeutet: Achtung Bär. Dann muss man sich in die Stallung einschliessen und warten, bis der Bär weitergezottelt ist :-). Leider konnte ich den Einsatz der Hupe in den beiden Monaten nicht miterleben.
Da der Frühling hier im Süden von Vancouver Island bis jetzt eher nass und kalt war, hat sich die "Ankunft" junger Singvögel und junger Eichhörnchen etwas verzögert. Diese trudeln nun aber langsam ein und so sind wir daran, die ersten Jungvögel zu füttern und junge Eichhörnchen zu füttern (siehe dazu Film unten).
Die Arbeit am ARC hat mir enorm Spass gemacht. Ich kam mit sehr vielen verschiedenen Leuten in Kontakt. Die meisten der Mitarbeiter*innen des ARC arbeiten freiwillig dort. Ich war und bin sehr beeindruckt vom Engagement dieser Menschen, die jede Woche ein- oder mehrmals einen Arbeitseinsatz für die Tiere leisten. Die Menschen hier auf Vancouver Island sind sehr stolz auf ihre Wildtiere - das erklärt auch, weshalb das ARC hier weit herum bekannt ist.
Bei den vielen Gesprächen mit den verschiedensten Leuten, die im ARC ein- und ausgingen, ist mir aufgefallen, wie oft und gerne die Leute über ihre Begegnungen und Erfahrungen mit Wildtieren berichten. Eine Geschichte, die mir besonders geblieben ist, war jene von einem Voluntar, welcher irgendwo mitten im Wald in seinem Haus lebt. Er erzählte mir, dass er jahrzehntelang Katzen als Haustiere gehalten hat. Vor ca. 5 Jahren sind diese aber reihenweise verschwunden und nicht mehr aufgetaucht. Man hat dann herausgefunden, dass sich ein Puma in der Region von East Sooke auf Hauskatzen spezialisiert hat. Er freute sich sehr darüber, dass er den Puma sogar mal zu Gesicht bekam. Ausserdem meinte er, dass er nun einfach einen Hund als Haustier halte...
Morgen ist mein letzter Arbeitstag im ARC. Somit geht auch unsere Zeit hier in Sooke zu Ende und wir werden den letzten Teil unseres Kanada-Abenteuers antreten: Das Wohnmobil steht bereits vor der Haustür, fast schon fertig eingerichtet. Einige der Familie würden am liebsten jetzt schon im neuen Haus auf vier Rädern übernachten - ich hingegen geniesse noch das grosse Bett und die grossen Räume :-)
(Andrea)


















Kommentare