On the road 2
- renatowinteler2
- 18. Juni 2025
- 6 Min. Lesezeit
Wie viele Kilometer wir schon gefahren sind, davon habe ich keine Ahnung. Wie viele Kilometer wir pro zerbrochenem Glas mittlerweile kommen, da wäre ein gewisser Lerneffekt spürbar. Das Verhältnis Maschine Mensch kommt langsam ins Gleichgewicht.
Gell, alles was du hier liest, ist wahrscheinlich frei erfunden und hat kaum mit geringer Wahrscheinlichkeit etwas mit einer heute noch lebenden Person zu tun. Und ja, ich habe wieder das kürzeste Stäbchen gezogen und muss nun meine Gehirnwindungen ein weiteres Mal dem Tastaturschreiben widmen, was ich noch so gerne mache. Zumindest da habe ich aber langsam so meine Zweifel, ob diese Stäbchen gezielt gefälscht sind oder doch aus dem Etui eines Familienmitglieds stammen, welches sich gerade vermehrt Frustrationstoleranzübungen widmet: Nicht gegen Geschwister, notfalls gegen Schulmaterial.
Unser Ungetüm von einem TD, das wir schliesslich bändigen konnten, ist heute leider nur noch Mittelklasse mit starkem Charakter gegenüber der menschlichen Anatomie, doch dazu später.
Die «nur» Mittelklasse hat sich nach wenigen Campgrounds herauskristallisiert, da etwa genau gleich viele RVs etwas kleiner sind und die andere Hälfte deutlich grösser. Und mit deutlich grösser meine ich: Ein normal grosser Stadtbus zu einem fahrenden Haus umgebaut mit angehängtem Pickup, auf welchem ein Boot festgemacht ist und an welchem noch genau zwei Fahrräder angebunden wurden. Diese wirklichen Strassenmonster gehören zu 100% zwei sehr alten Menschen und zu 100% fährt er und sie, naja ich denke, sie macht das, was sie auch zu Hause machen würde – also der Hund sitzt auf dem Beifahrersitz …und das Autoschild… eher weniger aus Canada…
So sind diese Campgrounds also voll und unser Mittelklasse TD verschwindet fast in der Parklücke zwischen diesen Monstern. Wir müssen schaurig aufpassen, dass nicht noch jemand über unserem hübschen TD einparkiert. Zu finden ist hingegen unser kleine Liebling einfach: Erstens mag er es nicht, wenn unter seine Räder Ausgleichskeile gelegt werden, was eine gewisse Schräglage zur Folge hat und augenscheinlich aus der grossen Masse sticht.
Ja gut, eventuell sind es auch die Insassen, welche bewusst eine gemütliche Esszone in Schräglage geniessen, bei welcher die Suppe selbständig geflossen kommt. Ein weiterer Vorteil liegt in den kalten Nächten. So brauchst du dich gar nicht erst an deinen Nachbarn zu kuscheln, du kugelst selbstständig an die unterste Ecke des Bettes, wo sich ganze Familie wieder trifft.
Ehrlicherweise haben wir ja schon auch diese Keile und sogar auch ausprobiert. Doch denkender Mensch fragt sich gleichwohl, unter welches Rad denn dieser gelegt werden soll, wenn davon sechs vorhanden sind und der Keil nur gerade etwa eine halbe Pneubreite aufweist? Die einfachste Lösung: Mach den Untergrund zu einer Ebene, was so noch nicht ganz perfekt ist, weil ehrlicher heisst es: Lass ihn eben machen…am besten als Frustrationstoleranztherapie.
Doch komme ich nun auf die Anatomie des TDs zu sprechen, welcher ganz und gar nicht der Anatomie der Insassen angepasst ist.
Die Fahrstunden im TD sind lang und normale Familie sitzt selten so lange normal beisammen. So stellt euch doch mal vor, wie es wäre, wenn es dann doch einmal so kommt wie es eigentlich immer kommen muss – also so etwa alle 50km - und Fahrender wider jegliche Pädagogik, der im Grund ja immer noch «nur» normalen Familie geradewegs und unmissverständlich mitteilt, dass diese aktuell vorherrschende «Normalität» Gotfridstutz nonemale nicht mehr geht. Wenn du in diesem emotionalen Intermezzo von «du hättest besser dreimal auf Zehn gezählt» oder «soll ich die restlichen Kraftwörter nun auch noch gleich loswerden» aussteigen musst. Du zwängst dich aus dieser tonnenschweren Tür, streifst noch schnell alle am Aufbaukasten hängengeblieben Fliegen mit deinem einzigen Pullover ab. Nein, das heitert die Stimmung nicht gerade auf. Dadurch kommst du aber auch zu wenig weit aus der Tür und möchtest diese mit Wucht zuschlagen.
Ja, ich bin eigentlich ein friedlicher Typ, doch diese Momente, seinen durch Zorn verspannten Muskeln Erleichterung zu verschaffen, das kann man auch mal geniessen. Gewissermassen als Schlusspunkt auf deine kürzlich fallengelassene Standpauke. Ein allesklärendes Erzittern vom ganzen TD, sodass die normale Familie wieder zur Normalität zurückfindet.
Ja klar, es kommt natürlich immer ganz anders: Stattdessen prellt die viel zu grosse Tür unbarmherzig gegen deine peripheren Gliedmassen, also das Knie. Dieses sich schmerzlich meldet, nichts von diesem ganzen Streit verantworten zu müssen. Und stell dir jetzt vor, wie du dich so aufgereizt, mit schmerzversorgtem Knie, halb gelähmt möglichst aufrecht und statthaft, den immer noch grinsenden Insassen, vom TD mit Stechschritt entfernen möchtest. Nach Luft schnappend wirst du dir eingestehen: Schon wieder verloren – die 152. Chance, es besser zu machen kommt sicher schon in den nächsten 50km…
Apropos TD und seine Kenntnisse der anatomischen Schwachpunkte der Menschen ist beeindruckend. Da wir ja mehr oder weniger ein halbes Haus auf dem Rücken haben, müssen unsere Rückspiegel Dimensionen annehmen, sodass wir von vorne aussehen wie Micky Maus. Geschickte Menschen können damit aber auch wahre Wunder vollbringen.
Stell dir vor, du bringst dich tatsächlich in den nächsten 200km ein weiteres Mal in dieses emotionale Furioso wie oben geschildert. (Also die normale Familie verhält sich ein weiteres Mal atypisch normal.) Doch dieses Mal setzt du den Fuss richtig vor die Tür, bevor du sie mit Wohlwollen zuschlägst. Insgeheim freust du dich über deinen Zuwachs an Wissen dieser komplexen Autotechnik. Das Knie wird kein zweites Mal ruiniert und siehe da, du kannst dir dabei noch zuschauen. In Zeitlupe siehst du deine Glücksgefühle auf dich zukommen, bis dir dieses Monster von einem Rückspiegel emotionslos eine Backpfeife setzt. Das wirklich Gute an einer solchen Rückspiegelohrfeige: Dieser Spiegel ist so hart, du musst in nachträglich nicht einmal neu einstellen.
Ich denke, das Wissen über diese Autotechnik hat noch Potential, selbst im Innenraum staune ich immer wieder, wenn der TV so praktisch über dem Eingang hängt, dass man beim Einsteigen seinen Kopf gleich in die Sendung reinhalten kann. Und wenn gleichzeitig der Zusatztisch der Küche noch ausgefahren ist, nimmt man den Salat, welcher für den Znacht geplant war, auch gleich noch mit in die Sendung.
Und wenn ich schon von den Vorzügen der Ausstattung unseres TDs prahle, so lässt diese wie wiederholt gesagt die Gläser vorzüglich in Einzelteilen transportieren, die Greywasserzone hält Gerüche während der Fahrt bedingungslos im TD zurück, so dass wir täglich das Menurepertoire der vergangenen drei Tage in Erinnerung behalten können.
A propo Klärwasserleerung, genauer der Greywassertank, der bei einer fünfköpfigen Familie doch recht schnell voll ist – die Dumpingstationen jedoch eher geringer sind als die Streitereien während 100km! Zum Glück hat es beim Leeren ein Ventil, das man öffnen kann. Vielleicht könnte man es sogar auch wieder schliessen, nach dem Leeren, dann ist der Tank einfach wieder schneller voll… oder man lässt es offen und findet den Rückweg von einem Ausflug wieder besser…
Und nun ganz ehrlich: Beim Leeren öffnet man IMMER zuerst den «Blackwater» Tank. Dann MUSS man den wieder schliessen und dann erst öffnet man den «Greywasser» Tank, den man evtl. vergessen kann zu schliessen…
Die Öffnungsklappen für die Stauräume sind mit einer Ausnahme mit einer Magnetsicherung versehen. So fällt beim Gebrach der Stauräume diese Klappe nicht auf den Kopf. Glücklicherweise ist die Ausnahme bei der Klärwasserleerung, damit man einhändig zu viel mehr Spass im Schlammbad kommt oder eine Beule hat, sollte man auf den Spass verzichten wollen.
Schlammbad wäre da gleich ein weiteres Stichwort. Es ist wirklich lobenswert, wie in den Campgrounds die sanitären Einrichtungen sauber sind. So passiert, ich fertig geduscht und schwupps, schon wartet vor der Tür eine nette Chinesin mit rotem Kessel, Handschuhen, Desinfektionsmittel und Waschlappen.
Etwas erstaunt war ich dann jedoch schon, als gleiche Person mit weiteren netten Chinesen auf einem freien Campingplatz mit Latexhandschuhen ein Feuer entfachte. Schliesslich war ich mir dann nicht mehr sicher, wie persönlich ich es nehmen sollte, als gleiche Personen gegenüber unseres TD in ihren Wohnwagen stiegen und die Storen zuzogen. Sicherheitshalber erklärte ich mich meiner Familie gegenüber bereit, doch noch ein Deodorant zu benützen.
Kanadische Strassen haben übrigens den Vorteil, dass sie unglaublich breit sind und bei absolut fehlender Autofahrkunst der TD mit grösster Wahrscheinlichkeit auch darauf bleibt. Dazu kommen die Lichtsignale, welche durchgehend auf der anderen Seite der Kreuzung angebracht sind. Das hat den Vorteil, dass du schon mitten auf der Kreuzung stehst, wenn du bei Rot zu nahe ranfährst. Dafür siehst du von dieser Stelle nicht mehr ans Lichtsignal, weil du über deinem Kopf noch zwei Betten hast. Zum Glück sind die Kanadier so freundlich und weisen dich höflich darauf hin, wenn du dann bei deinem Grün endlich die Kreuzung wieder freigeben darfst.
Apropos Nachbarschaftshilfe. Bis heute konnten wir ausnahmslos niemandem weiterhelfen, der mit seinem RV in Nöten war. So steigt die Bewunderung gegenüber denjenigen, welche schon nach kurzem Aufenthalt in einem RV, die Komplexität von Steckdosen und Akkus erfassen konnten und dies vorbehaltlos an uns weitergaben. Unsere Autobatterie dankt es ebenfalls diesem zuvorkommenden bayrischen Pärchen.
In ruhigen, schlaflosen aber wenigstens im Bett geschaukelten Nächten sinniere ich dann gerne mal darüber nach, ob es wohl nicht ehrlicher gewesen wäre, wenn wir die englische statt die deutsche TD-Gebrauchsanweisung genommen hätten. So könnten wir heute wenigstens eine Ausrede präsentieren, wieso wir so begabt und wiederholt tagtäglich nichts ahnend in jedes noch so dumme Fettnäpfchen treten.
Ganz offen und ehrlich, wir sind heute so viel gescheiter in der Autotechnik dank unseres TDs, kennen so viele Tricks um bei Rot schneller über Kreuzungen zu kommen, haben so viele Erfahrungen bei der Handhabung der praktischen Dinge wie Körperschmerztherapien im TD, Spurenlegen auf einsamen Strassen: Es wäre wohl bald an der Zeit, dass wir unser Erstwerk publizieren: «TD-fahren für Dummies».
(wahrscheinlich Renato)
So lustig, dein on the road 2. Der Humor ist anscheinend in den Winteler Genen. Ich lese eure Berichte so gerne. Vielen Dank dafür 😘